Verlogene Inklusion?

Hervorgehoben

Zwei Meldungen aus dem Bereich Lebensschutz (im weiteren Sinne) ließen dieser Tage aufhorchen:

  1. Ca. 90 % der Ungeborenen, bei denen eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass sie mit einer sog. schweren Behinderung zur Welt kommen, werden in der ‚westlichen Welt‘ abgetrieben.
  2. Brandaktuell: Ein australisches Paar ließ gleichsam eine Leihmutter im Stich. Das gesunde Kind nahmen die beiden, den Zwillingsbruder mit Behinderung soll die Leihmutter behalten.

Dies zeigt, dass Texte des römisch-katholischen Lehramts wie »Humanae vitae« tatsächlich prophetische Rede sind, ganz besonders aber auch der Einsatz des Hl. Johannes Paul II.
Es zeigt aber auch, dass das – sit venia verbo – Inklusionsgelaber unserer Tage auf tönernen Füßen steht und leider auch hier mehr gefühlt als gedacht wird, mehr Emotion als Kognition, mehr moralisch-ideologisches Engagement als durchdachte Argumentation im Spiele ist. Weiterlesen

Der wundersame Wandel des slowenischen Europa-Bildes

Zwischen „Dienern Brüssels“ und „einer Diebesbande“

Von Rok Čakš – 28. März 2021 um 20:5526

Übersetzt aus dem Slowenischen und leicht modifiziert von Aleksander Pavkovič

„Slowenien ist Brüssel absolut nichts schuldig. Wir haben unsere Freiheit und Demokratie vor 30 Jahren gewonnen. Wir kämpfen und zahlen seit 35 Jahren den Preis für Rechtsstaatlichkeit und Meinungsfreiheit, für Menschenrechte und Grundfreiheiten. Wir lassen uns also nicht von mit unserem Geld überbezahlten Bürokraten, die in den Wohlstand hineingeboren wurden, über Freiheit und Demokratie belehren.“

Diese Art von Vokabular ist uns in Slowenien nicht unbekannt, wenn es um die Europäische Union geht. Von der Notwendigkeit, aufrecht zu stehen, Rückgrat zu zeigen und keinen Kotau vor Brüssel zu machen, hören wir in Slowenien seit dem EU-Beitritt und auch schon davor. Besonders während der letzten Wirtschaftskrise, als die EU uns (für damalige Verhältnisse) billiges Geld im Austausch für dringende Strukturreformen anbot, die unser Land „europäischer“ machen sollten. Als die Linke wieder an die Macht kam, weigerte sie sich natürlich, dies um den Preis von Killerzinsen für die Kreditaufnahme auf den internationalen Märkten zu tun.

Aber es ist interessant zu beobachten, wie sehr es sich verändert hat, wer in Slowenien solche Botschaften der Zurückhaltung gegenüber Europa verkündet. Vor einem Jahrzehnt kamen sie fast ausschließlich aus linken Kreisen, vielleicht am besten symbolisiert durch die berüchtigte Feier der erneuten Machtübernahme der Linken in Slowenien im April 2013. Damals war die Konzerthalle in Stožice vollbesetzt mit Menschen, die mit den (damaligen und ehemaligen) Präsidenten Danilo Türk und Milan Kučan und der frisch vereidigten Premierministerin Alenka Bratušek an der Spitze Refrains wie „Europa ist eine Diebesbande“ skandierten.

Heute jedoch war es Janez Janša, Premierminister der Mitte-Rechts-Koalition, der diese eingangs zitierten harten Worte an die gesellschaftspolitischen Hauptakteure der Europäischen Union richtete –Janša, erster Mann einer politischen Option, die in den letzten Jahrzehnten als die pro-europäischere galt und der von ihren linken Konkurrenten ständig vorgeworfen wurde, sie sei zu demütig, zu gehorsam, zu unterwürfig … gegenüber eben diesem Europa.

Der Wandel

Doch das ist nicht die einzige große Veränderung, die sich in letzter Zeit in Slowenien immer deutlicher abzeichnet. War es bis vor kurzem die slowenische Rechte, die als prowestlich, antirussisch und was nicht alles galt, so scheint es nun, dass die „imperialistischen, kolonialen Mächte“, wie man sie hier und da bei der Linken immer noch nennt, zunehmend von der slowenischen Linken als gute Beispiele genannt werden. Über Nacht wurden die Linken zu großen Bewunderern Amerikas und Befürwortern des Exports seiner Konzepte von Demokratie und Menschenrechten (Gleichberechtigung, LGBT+ usw.) in die ganze Welt, während sie gleichzeitig zu immer lauteren Kritikern der russischen und sogar der chinesischen Autokratien wurden, über die, Gott bewahre, bis vor kurzem nichts Schlechtes von der Linken zu hören war.

Gegen das meiste davon ist natürlich nichts einzuwenden, ganz im Gegenteil. Aber die Transformation ist ein interessantes Phänomen, vor allem im Zusammenhang mit den Ergebnissen einer Domovina-Umfrage vom letzten August, bei der zum Beispiel die Anhänger linker Parteien sowohl Russland als auch China den USA vorzogen, und interessanterweise auch Serbien. Die NATO, die jetzt von dem auf der linken Seite des politischen Spektrums so verehrten Joe Biden gestärkt wird, wurde zum Beispiel nur von 40 % der Wähler der linken Option unterstützt.

Doch das ist wohl eher ein Thema für einen anderen Artikel. Heute scheint es, dass alles, was von der Europäischen Union (oder genauer gesagt – von ihrem zentralen, d.h. „kolonialen“ Teil) nach Slowenien kommt, von der slowenischen politischen Linken für pures Gold gehalten wird, während die dominante Rechte, verkörpert durch die Partei SDS, immer skeptischer gegenüber vielem davon wird. Vor nicht allzu langer Zeit wäre Janšas Botschaft in der Einleitung (wenn sie von jemand anderem – sagen wir vom Ex-Regierungschef Šarec – vorgetragen worden wäre) von der Linken lautstark beklatscht und als aufrechte Haltung eines Politikers verstanden worden, der sich weigert, sich Brüssel unterzuordnen. Heute jedoch sprechen sie von der großen Schande, die unser Premier Janez Janša Slowenien in Brüssel antut.

Gestörte Kommunikation mit Europa

Damit soll keineswegs das Verhalten des Ministerpräsidenten bei der Sitzung der Demokratiebeobachtungsgruppe des Europaparlaments verteidigt werden, wo Janez Janša vorgeladen wurde, um sich gegen Vorwürfe der Einmischung in die Medienfreiheit und die Rechtsstaatlichkeit zu verteidigen.

Die bloße Tatsache, dass unser Regierungschef von den überwiegend linksliberalen Politikern aus den Kernländern, angeführt von der Niederländerin Sophie in’t Veld, gelinde gesagt herablassend behandelt wurde und dass die Vorsitzende, Frau in’t Veld, sich – mit Argumenten, die sich später als falsch herausstellen sollten – weigerte, ihm zu erlauben, das von ihm vorbereitete Video zu zeigen, rechtfertigt Janšas Verhalten nicht. Gemeint ist sein stures Festhalten an seinem Standpunkt, wie wir es hier in Slowenien durchaus gewohnt sind, das aber auf dem Boden des Europäischen Parlaments nicht üblich ist. Man könnte ihm für seine aufrechte Haltung Anerkennung zollen, doch der Preis ist wohl zu hoch. Janšas Reaktion wird weithin als Flucht eines Menschen vor der Debatte interpretiert, der Angst hat, sich den Argumenten zu stellen. Dieser Auftritt fügte dem Ruf Sloweniens und vor allem dem Verständnis dessen, was hier tatsächlich geschieht, schweren Schaden zu.

Hinzu kommt, dass der Verbindungsabbruch wieder einmal Wasser auf die Mühlen derer ist, die ihr schmutziges innenpolitisches Spiel auf fremdem Parkett spielen. Und das, auch dank Janša selbst, mit zunehmendem Erfolg. Trotz aller Überlegenheit, die die politische Linke auf praktisch allen relevanten innenpolitischen Ebenen genießt (die sie aber derzeit nicht in konkret ausgeübte exekutive Macht umzusetzen vermag), stellen sich die Linken nun im Ausland erfolgreich als Opfer eines rechten Autokraten dar, lautstark verbreitet durch einflussreiche Medien, für die das alles plausibel zu sein scheint.

Wer oder was ändert sich?

Trotz allem ist dieser schmutzige und schädliche Export von innenpolitischem Unfug in die internationale Arena auf Dauer nicht so beachtenswert. Interessanter ist vielmehr das Phänomen des Wandels der Einstellung zum Weltgeschehen und dem Treiben der globalen Führungsmächte, , dessen Zeugen wir offenbar sind.

Wenn wir die Gründe für diesen Wandel verstanden haben, kann uns das viel über die Trends und Strömungen verraten, die auf globaler Ebene stattfinden, und wie sich Slowenien in diese einfügt. Die wesentliche Frage, auf die wir eine Antwort brauchen, um die globalen und lokalen Entwicklungen zu verstehen, ist, wer sich eigentlich verändert: Sind es die slowenische Linke und Rechte, sind es die internationalen Akteure, oder verändern sich alle, also sowohl die Ersteren als auch die Letzteren?

Erst wenn wir dies verstanden haben, geht es um die Frage, ob die Veränderungen in eine positive oder negative Richtung gehen, und dann um die Suche nach einem Konsens darüber, in was für einem zukünftigen Slowenien und in was für einer Welt wir leben wollen. In der Domovina haben wir bereits damit begonnen, in unserem Projekt „Dialogos – über die Werte der Zukunft“ – nach Antworten zu suchen, indem wir Menschen mit unterschiedlichen Denkweisen, Ansichten und Überzeugungen dazu befragen.

Link zum Originalartikel:

Med „bruseljskimi hlapci“ in „bando tatov“ – Domovina

Benedikt-Bashing: vorschnelle Reaktionen auf einen verstörenden Text

Erst die Überraschung, dann die zu erwartende, einhellige Antwort darauf aus einer breiten Öffentlichkeit.
Am Donnerstagmorgen postete das Nachrichtenportal kath.net als „Breaking News“: Der emeritierte Papst Benedikt XVI. äußert sich zu Ursachen des Kindesmissbrauchs in der Kirche. Die Äußerung erfolgte in Form eines Aufsatzes fürs Bayerische Klerusblatt.
Wer Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. und seine Wortmeldungen gut kennt, konnte sich evtl. bereits bei dieser Schlagzeile in etwa vorstellen, was da zu lesen sein würde: Abwesenheit Gottes als Ursache der tiefen Krise; Abkehr von der Moraltheologie und insbesondere vom Grundsatz, es gebe in sich (unter allen Umständen) schlechte Handlungen; hier aber vor allem: Übersexualisierung bis hinein in kirchliche Kreise. Und wahrlich: Dies alles findet sich in Benedikts XVI. Aufsatz. Er enthält in mehrerlei Hinsicht verstörende Passagen, wovon noch zu reden sein wird.
Zugegeben: Als erste Reaktion twitterte ich, ich sei aus philologischer Sicht skeptisch. Schreibt hier wirklich Benedikt XVI. oder ein kundiger Schüler? Liegt mithin ein Text vor, den man deutero-ratzingerianisch nennen könnte? Denn manches erschien in seiner Wortwahl beim ersten Querlesen allzu erwartbar, etwas dick aufgetragen vielleicht, irgendwie zu sehr typisch Benedikt XVI. Doch dieser erste Zweifel darf als ausgeräumt gelten. Wir haben es mit einem Text zu tun, den Benedikt XVI. kurz vor seinem 92. Geburtstag eigenhändig, wohl ausschließlich auf eigene Initiative verfasst hat. Veröffentlicht hat er ihn, wie es heißt, mit Zustimmung von Papst Franziskus. Weiterlesen

Digitale Barrierefreiheit nur links der Mitte?

Seit November 2012 bin ich auf Twitter aktiv. Von Anfang an bemühe ich mich, ein breites Spektrum von Accunts im Blick zu haben und nicht etwa nur sog. konservativen Katholiken zu folgen. Dabei fällt mir seit Jahren auf, dass es gerade diese sind, die es mir – unbeabsichtigt, sicherlich – schwer machen, ihre inhalte überhaupt wahrzunehmen. Vereinfacht gesagt. Inhalte aus dem ‚rechten‘ sowie dem traditionsbetonten christlichen Spektrum sind viel seltener technisch barrierefrei. Weiterlesen

Mariä Aufnahme in den Himmel -eines der schönsten Feste

Volkstümlich: Mariä Himmelfahrt

Ein paar nüchterne Fakten zu Beginn

  • Festtag: 15. August
  • bezeugt seit: um das Jahr 550 in den orthodoxen und altorientalischen Kirchen, geht wohl auf eine Initiative Cyrills von Alexandrien Anfang des 5. Jahrhunderts zurück. Nach ostkirchlicher Auffassung endet damit das Kirchenjahr, das am 1. September mit dem Gedenken der Erschaffung der Welt oder auch mit den Vorfeiern zur Geburt Mariens dann wieder von neuem beginnt.
  • Name des Festes in den Ostkirchen (bzw. auch alter allgemeiner altkirchlicher Name des Festes): Entschlafung der Hochheiligen Gottesgebärerin, lat. dormitio (oder Varianten davon, z. B. Heimgang Mariens)
  • Glaubensbestandteil auch in den Westkirchen seit dem 6. Jahrhundert; zum Dogma erhoben durch Papst Pius XII. mit der Apostolischen Konstitution (= dogmatisches Schreiben) Munificentissimus Deus (deutsch: „der überaus freigebige Gott“)
  • In den evangelischen Kirchen teils ebenfalls am 15.08. Gedenktag, aber aus theologischen Gründen einfach ‚nur‘ als Gedenktag des Todes der Mutter Jesu, gefeiert in der Hoffnung auf die allgemeine Auferstehung.

 

Einige Gedanken zum Fest

Biblischer Befund und Überzeugung des Gottesvolkes

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Offener Brief an Irene Dänzer-Vanotti: Guter Radiobeitrag und ein kleines Missverständnis zu Humanae vitae

Sehr geehrte, liebe Frau Dänzer-Vanotti,

 

wie bereits in einem kurzen Tweet angekündigt, beziehe ich mich mit diesem Brief auf Ihre Sendung „Von My sweet Lord zum Politischen Nachtgebet“ über die 68er-Bewegung und die Theologie. Sie war heute, am 15.04.2018, in den Evangelischen Perspektiven auf Bayern 2 gelaufen. In der vorausgegangenen Sendung hat Karl-Josef Kuschel von der „Gottesleidenschaft“ gesprochen, die nicht aufhören dürfe. Diese Gottesleidenschaft, dieses πάθος für Gott, der die Liebe ist, strahlte aus Ihrer Sendung. Dafür großes Lob!

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Wer Mission will, will, dass Gott Gott ist

Über Medien wie Vatican News und – hier verlinkt – kath.ch ging heute das Statement eines, wie ich meine, recht typischen Vertreters der heutigen Universitätstheologie, Josef Kuschel. Da heißt es: Kuschel spricht sich gegen den Fokus der Kirche auf Mission . Wer Mission wolle, so steht zu lesen, wolle keinen Dialog, sondern letztlich das Verschwinden des Glaubens des jeweils anderen.

 

Die Reaktionen, etwa auf kath.net, blieben nicht aus, wie zu erwarten. Das sei der typische Unsinn heutiger universitärer Theologie und zudem nicht vereinbar mit Christi Auftrag und der klaren Botschaft im Evangelium.

 

Mir scheint, wir haben es hier durchaus mit einem Problem heutiger universitärer Theologie zu tun, aber – wie ich ehrlich gesagt hoffe – etwas anderer Art, als dies Vertreter des „Missions-Fokus“ vermuten, ganz sicher bin ich mir freilich nicht.

Kuschels Vorwurf Weiterlesen

Der Mensch mit Behinderung in Amoris Laetitia

Kurzmitteilung

Leider ist das päpstliche nachsynodale Schreiben Amoris Laetitia fast schon vollständig in Vergessenheit geraten. Vereinzelt ist Kritik zu hören, z. B. von Robert Spaemann; er fürchtet vollständiges Abgleiten in eine reine Situationsethik und fragt sich, wo da noch Petrus, der Fels, bleibe.
Man mag hier in der Tat unterschiedlicher Meinung sein, dazu kommen wir vielleicht noch demnächst hier in diesem Blog. Mein Anliegen heute ist jedoch ein Thema, das mit Sicherheit kaum je irgendwo in den Blick kommt: die Rolle des behinderten Menschen in der Familie oder die Rolle der Familie für Menschen mit Behinderung.
Mit Spannung und einer gewissen Hoffnung erwartete ich Aussagen hierzu, zumal ich im Namen und Auftrag der Internationalen Föderation Katholischer Blindenvereinigungen, http://www.fidaca.org, einen Text verfasst habe: der Mensch mit Behinderung als aktives Familienmitglied. Daher durchsuchte ich denn auch, damit über die ausdrückliche Mahnung des Papstes zum Lesen von Amoris Laetitia mich hinwegsetzend, den Text gleich nach dessen Erscheinen nach entsprechenden Stellen.
Das Ergebnis ist vordergründig eine Enttäuschung. Laut Nr. 47 und 82 von Amoris Laetitia sind Menschen mit Behinderung für Familien ein Geschenk; eine Prüfung gewiss; eine Bereicherung; eine Gabe und Aufgabe, deren Annahme Respekt abnötigt.
Nun: Als geburtsblinder Mensch, aktiv in der Selbsthilfe, Ehemann einer ebenfalls geburtsblinden Frau, genügt mir das nicht ganz. Behinderte Menschen sind doch nicht nur Objekte barmherziger Zuwendung! Menschen mit Behinderung sind doch nicht bloß Empfänger von Betreuung und liebevoller Aufmerksamkeit!
Doch wie ist die tatsächliche Situation von Menschen mit Behinderung, und zwar weltweit? 90 % der ungeborenen Kinder, die mit einer ‚hohen Wahrscheinlichkeit‘ mit Behinderung zur Welt kommen würden, dürfen nicht leben, werden (oft aus pseudo-humanitären Gründen) abgetrieben. Vielleicht ist es also die sinnvolle Beschränkung auf das Wesentliche, wenn Papst Franziskus zunächst lediglich das Grundsätzliche beim Namen nennt: Auch und gerade Menschen mit Behinderung brauchen das, was jeder Mensch nötig hat: liebende Zuwendung.
Doch wahrscheinlich ist auch, dass Amoris Laetitia, das ja keine Spezialisierungen vornimmt, den Behinderungsbegriff stark verallgemeinert verwendet. Gedacht hat der Verfasser des nachsynodalen Schreibens womöglich nur oder vor allem an schwer mehrfachbehinderte Menschen, nicht so sehr an Personen mit ‚einfachen‘ körperlichen, (leichten) geistigen, Sinnes- oder psychischen Behinderungen.
Und dennoch hoffe ich, dass in Sachen Kirche und behinderte Menschen noch mehr geschieht: Anerkennung, dass Menschen mit Behinderung in ihrer spezifischen Lage auch ihre Gaben einbringen als Ehepartner, Eltern, Verwandte, Tauf- und Firmpaten, aber auch in kirchlichen Diensten als Laien und/oder gottgeweihte Personen. Denn es gibt kein unbegabtes Glied am Leibe Christi, keinen Menschen, der nur empfangen müsste und nichts geben kann, und sei es ’nur‘ große Lebensfreude und Hoffnung da, wo Menschen ohne Behinderung oft große Mühe haben, vom Haben zum Sein voranzuschreiten.

Ein Zwischenruf zu Amoris Laetitia

In einem Kommentar in der Süddeutschen http://www.sueddeutsche.de/politik/papst-franziskus-bitter-unbarmherzig-und-ohne-liebe-1.2940339 heißt es, homosexuelle Liebe werde vom Papst nach wie vor nicht anerkannt, sondern „in die Sünde“ gestoßen. Das sei bitter, unbarmherzig.

Nun kann man trefflich darüber streiten, wie bzw. ob die Kirche die Verantwortung, die auch gleichgeschlechtliche Partner füreinander übernehmen, würdigen könne oder solle. Die Art aber, wie der Kommentator mit besserwisserischer Geste erklärt, wie das Evangelium zu interpretieren sei und was die Kirche gefälligst zu lernen habe vom Zeitgeist, ist unerträglich und zeugt von Unkenntnis oder bewusstem Willen zur Desinformation.
Eine vielleicht verwegene Assoziation zum Schluss dieses Zwischenrufs:

Wie aufmerksam Lesende wissen, bin ich geburtsblind. Ist es nun bitter und unbarmherzig, wenn jemand feststellt, dass mir von Natur aus damit das eine oder andere nicht möglich ist, und wenn ich’s noch so gern täte: z. B. Auto fahren, Arzt werden, Architektur studieren? Oder ist es einfach die Wahrheit, die uns von gefühlsbetonten Fantastereien frei macht? Von Fantastereien voll ist nämlich auch der Inklusionsdiskurs, von der Überbetonung des Anspruchs auf Selbstbestimmung voll ist heute jeglicher Diskurs. Gegen-Stimmen sind daher das Gebot der Stunde.

Hilft die Kunst dem Lebensschutz?

In den vergangenen Wochen gab es gleich zwei sehr bewegende Filme rund um die schwerwiegende Entscheidung, ein Kind mit Behinderung zu gebären oder einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu lassen. Nach „24 Wochen“ lief gestern Abend im Ersten „Nur eine handvoll Leben“ mit einer sehr starken Annette Frier (Rezension in der „Welt“<http://www.welt.de/vermischtes/article153578948/Diese-Rolle-brachte-Annette-Frier-an-eine-Grenze.html&gt;).In der Kritik heißt es, der Film sei kein Plädoyer gegen die Abtreibung, sondern stelle jedem die Frage, ob behindertes Leben lebenswert sei.

Gute Literatur und gute Kunst im Allgemeinen leben davon, dass sie nicht zu explizit sind. Große Literatur ist Andeutung. Ein Beispiel sind Erzählungen mit erotischen Andeutungen, die eine viel größere Tiefe besitzen als unzweideutiges Zeigen der nackten Tatsachen (= Pornographie).

Insofern ist es sehr gut, dass auch dieser Film kein ausdrückliches Plädoyer ist, niemandem eine Interpretation aufdrängt. Schlimm ist nur, dass sich tatsächlich viele die Frage überhaupt stellen müssen, ob Leben mit Behinderung lebenswert sei.

Damit ist nicht gesagt, jeder Mensch solle leichten Herzens in der Lage sein, auch das Kind mit Behinderung willkommen zu heißen. Das ist ganz einfach unmöglich, leichten Herzens jedenfalls.

Wenn aber – und hier wiederhole ich mich – 90 bis 95 % der Kinder mit Behinderung nicht in den Genuss kommen, die durch die UN-Behindertenrechtskonvention ausdrücklich verbrieften Menschenrechte zu genießen, die universell gelten, dann stimmt etwas grundsätzlich nicht.

Nur diejenigen nämlich, die es bis zur Geburt schaffen, sollen sich dann plötzlich der Segnungen der Inklusion erfreuen, während man zuvor alles getan hätte, sie zu beseitigen aus pseudo-humanitären Gründen?

Nur wenn wir hier ganz klar sind, dass es kein mehr oder weniger wertvolles Leben gibt, verhindern wir jegliche unheilvolle Entgleisungen.